Monatsarchiv: Oktober 2007

Starte neu. Scheidungsmesse. Scheiden tut nicht mehr weh!

Sag mal A! Scheiden tut nicht mehr weh! Die Österreicher machen’s uns vor.

A ist das amtliche Kennzeichen von Österreich. Für seinen skurrilen Humor ist dieses zuweilen wie ein Bilderbuch anmutende Land ja schon bekannt. Ähnlich wie England. Nicht in der Geburtsstadt Salzburg des Wunderkinds Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart, kurz Mozart genannt, fand jetzt die erste Scheidungsmesse Europas statt. Nein, in der Stadt, in der sich das größte Rad der Welt dreht, der Prater: In Wien!

„Charmant, charmant, gnä’ Frau. I bin entzückt!“ Derlei Schmäh war dort in den Tagen des 27. und 28. Oktober wohl eher nicht zu vernehmen. An zwei Tagen. Ja klar: Getrennt nach Männerl und Weiberl. Die Frauen sind Samstags geladen, die Männer Sonntags. Zur Scheidungsmesse. Wenn das mal geregelt abging!

Ging es! Im Wiener Marriott Hotel. Pompöse Adresse. Aber stracke Organisation unter dem Motto: „Starte dein Leben neu!“

Ohne Mühe können Sie sich unter www.scheidungsmesse.at erkundigen, welcher Schmäh stattdessen angeboten wurde. Nette Fotos sind dort auch zu sehen: Zuerst öffnet sich ein romantisches Hochzeitsfoto, das von einem Motiv, wo ein Mann und eine Frau Rücken an Rücken stehen, abgelöst wird. Passend zum oben genannten Motto sehen Sie zwei Männer und zwei Frauen (schön abwechselnd) in Startposition, wie auf einer Aschenbahn.

Um viel Asche geht es auch auf der Messe. Ja, warum sollte sie auch sonst stattfinden? Diese Frage stellte sich dem Ideenhervorbringer und Veranstalter der Messe, Anton Bartz nicht. Einfühlsam wie er nun mal ist, denkt er sich in seine Klientel ein und kann sich sehr gut vorstellen, wie „prekär“ das Betreten der Messe sein muss, so rein psychologisch natürlich.

Aber die wohl größten Bedenken im Vorfeld hatte die katholische Kirche. Aber die lässt sich nicht lumpen und machte aus dem Bedenklichen Tugendhaftes und eröffnete selbst einen Stand. Man könnte auch pfeilgeradeaus sagen: Die Katholische Kirche beteiligte sich an der ersten Scheidungsmesse ganz kommerziell! Aber damit’s net zu pump, sondern aufklärerisch ausschaute, bot sie freilich Informationsstände über Institutionen an, die Ehen wieder kitten sollen. Irgendwie ist die katholische Kirche auf ihre spezielle Weise gar nicht so spröde und verknöchert, sondern sehr flexibel. Auch sehr skurril.

Ebenfalls skurril ist die Tatsache, dass das Urheberrecht auf den Titel der Messe „Neustart“ eigentlich einer österreichischen Haftentlassenen Initiative obliegt.

Manche munkeln, die Assoziation an diese Initiative sei beabsichtigt, bedeute Scheidung doch auch Befreiung aus dem Ehejoch.

Freiheit und Geld stehen da eher in einer engen Beziehung. Und letzteres machen auf der Messe: Zweidutzend Gewerbetreibende und Initiativen, darunter: Familien- und Lebensberater, auch die Anwälte, Personenschützer, „Angst frei-Stress frei“-Motivatoren , Friseure und Perückenmacher. Letztgenannte nicht, wie man annehmen müsste, weil man sich angesichts dieses ganzen Angebotes die Haare rauft und sogar ausreißt, nein: Ein neuer Start, eine neue Frisur, eine alte Weisheit. Für jeden Start eine neue Frisur.

Bei derlei Vielfalt müsste der Veranstalter doch jubilieren, bis es nach Salzburg hallt, aber nein: In der verhinderten Mozartkugel steckt Etwas, was den süßen Geschmack des Erfolges doch etwas verdirbt.

Sie kommen nicht darauf!

Es ist so: Da besitzt doch das Frauenministerium, das doch auch eine Männerabteilung vorzuweisen hat, die Frechheit und verweigert sich dieser Messe!

Ich möchte ja nicht unken: Aber vielleicht sind die zu sehr mit der Recherche von Seitensprungagenturen beschäftigt. Bei den vielen Dingen, die man da erleben kann, ist man nämlich sehr beschäftigt. Oder wussten Sie, dass so manche Seitensprungagentur sich wegen des Vorwurfs der Zuhälterei mit dem Vorwand, dass zwar die Männer für die Vermittlung von „einsamen Damen“ zahlen, aber diese „einsamen Damen“ das Geld ja nicht bekämen, erfolgreich herausreden?

Ich bin solo und das nicht, weil ich geschieden bin. Sondern einfach so…lo.

Die Angebote der Singlebörsen, Elite-Partner-Angebote, Annoncen, Fisch-sucht-Fahrrad-Partys sind meiner Erfahrung nach nur für Eines gut: Die Zeit bis zur nächsten, echten Zufallsbekanntschaft, aus der eine echte Partnerbeziehung wächst, unterhaltsam zu würzen.

Hatschie!

[Quelle Foto: aboutpixel.de]

Ereignisflut in der deutschen Politik

Gibt es „die politische Wende“ im Sinne von Verbesserungen im Sinne einer sozialen Marktwirtschaft?

Was in den Jahren 2003 bis 2005 in Deutschland geschah, ist nicht nur, was die Qualität der Ereignisse betrifft, erschreckend, sondern auch in deren zeitlicher und zahlenmäßiger Dichte.

Vieles hat sich in den letzten Jahren angekündigt. Nichts ist zufällig passiert. Erinnern Sie sich selbst an folgende Nachrichten aus gerade mal den letzten zwei Jahren:

Immer häufiger hören und lesen wir von den steigenden Gehältern von Managern und Politikern. Die Zahl der Millionäre in unserem Land nimmt stetig zu. Offiziell wird der Anstieg in der Kasse des Bundeshaushalts propagiert und gefeiert.

In den Medien gibt es immer mehr Ratgeber-Magazine für immer mehr Lebenslagen. Mit misslichen Lebenssituationen werden Geschäfte gemacht ohne Ende. Im „Geiz-ist-geil“-umworbenen Markt brechen die Kunden bis in nächtliche Stunden geradezu in Scharen ein, zerstören, prügeln und kaufen, als ginge es um ihr Leben. Aber es geht um billige Angebote, die für das Unternehmen immer noch reichlich Rendite abwerfen.

Die Mehrwertsteuer ist auf 19% gestiegen. Das Rentenalter ist angehoben worden. Trotz des sogenannten „Butterberges“ sind die Preise der Milchprodukte um über 30% gestiegen. Die Preise für Benzin und die Kfz-Steuer führten zu Abmeldungen von PKWs.

Auf der ganzen Welt wird vor einer irreparablen Klimakatastrophe gewarnt. Nicht zuletzt von dem Ex-Vizepräsidenten Al Gore, der den Film „The inconvenient Truth“ („Die Unbequeme Wahrheit“) herausgebracht hat und Vorträge über das Thema hält. Ausgerechnet die Unternehmen, die hierzulande mit der Herstellung und dem Verkauf auf erhebliche Weise zur „Umweltverschmutzung“ (ein altes, aber vertrautes und unterschätztes Wort) beigetragen haben. Waschmittelhersteller werben damit, dass ihre Produkte zum Sparen von Energiekosten beitragen.

An der Spitze der Werbung stehen die Autoindustrie, die Beauty-Industrie und Telekommunikationsanbieter.
Außer der Vermeidung der Klimakatastrophe, die die deutsche Politik auf den Plan an oberste Stelle gesetzt hat, müsste noch etwas Entscheidendes gestoppt werden: die Abwärtsspirale, die Menschen in Verelendung münden und damit alleine lässt.

In gepflegten Diskussionsrunden sprechen konservative PolitikerInnen über die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Arbeit für Frauen. Sie wird zum Plansoll erhoben, ist aber gar nicht realisierbar. Oder nur auf eine Art, wie sie die Frauen und Kinder fremdbestimmt. Soll eine Frau ihr Kind mit in die Firma nehmen und von dieser „betreuen“ lassen? Das gibt es in faschistoiden Staaten.

Die Rente wird schmählich für die jetzige Generation 40plus ausfallen (und die folgenden Generationen). „Selbstversorgung“ lautet das Schlagwort. Wie soll die gewährleistet sein, wenn der Staat immer stärker wird, die Bürger sukzessive entrechtet und enteignet? Blanker Hohn!

Die Rolle der Kirche, besonders der Katholischen, rückt immer mehr in den Vordergrund. Mit zum großen Teil völlig veralteten Werten. Dieser Tage sollen eine Million Plastikembryonen postalisch versendet werden: „Unser Geschenk an Sie“, lautet es da auf dem Begleitflyer. Das ganze Spektakel nennt sich „Embryonenoffensive“. Und ist geschmacklos. Man kann nicht jede einzelne Frau verteufeln, wenn sie eine Schwangerschaft legal abbricht. Zumal dies für die Frau eine schwerwiegende Entscheidung darstellt.

Sehr bedenklich ist die Entwicklung des Leistungsdrucks, der nun auch stark zunehmend auf die Kleinsten ausgeübt wird. So werden Zwei- bis Dreijährige nun auch in Deutschland zum Englisch- und Mathematikunterricht geschickt, damit diese bessere Zukunftschancen für die Karriere erhalten sollen. Lasst doch bitte wenigstens Kinder mit dem Höher-schneller-weiter-Irrsinn in Ruhe. Wie sollen wir denn sonst von ihnen lernen, wenn sie sich nicht unbeschwert entfalten können, auf natürliche, behutsame Art und Weise?!

Ein Kanadier wird weltweit gesucht. Er ist hat sich an Kindern übelst vergangen und sich mit seinen Verbrechen sogar im Internet veröffentlicht. „Vico“ wird er von den Ermittlern genannt. Das klingt wie ein Kosename. Die Nachrichten über Verbrecher, die sich an Kindern vergehen, nehmen zu. Und mittlerweile ist es nicht mehr Aufklärung, sondern Sensationsgeilheit, die geweckt und befriedigt wird. Ebenso wird mit Interviews mit Mitgliedern der RAF agiert und, was an Abscheulichkeit nicht zu überbieten ist: Der sogenannte „Menschenfresser“ darf in einem Interview seine Abgründe in aller Seelenruhe offenbaren.

Deutschland ist ein Land, in dem das Böse nicht mehr tabu ist. Es wird durch die Medien legitimiert. Für alles gibt es eine Erklärung. Hintergründe. Die Opfer müssen sehen, wie sie selbst mit ihren Problemen klar kommen.

Ich zähle sie hier auf, so gut ich kann:

Obdachlose Kinder, Menschen ohne Krankenversicherung, Menschen, die in Einsamkeit sterben, Opfer von Gewalt, Opfer von falscher Justiz, Opfer von Sozialterror durch Behörden, alte Menschen in der schlechtesten Pflegestufe auf dem Abstellgleis, Opfer von Spekulation, von Knebelverträgen, Menschen, die nicht über ihre Rechte aufgeklärt werden und dennoch zur Verantwortung gezogen werden, Menschen, die ihre Sprache verloren haben …

Derweil Besuche „unserer“ Politiker in China. Einem riesigen Land mit kaum aufzählbaren Menschenrechtsverletzungen. Bürgerkrieg in Birma. Rügen von dem gigantischen „Witschaftspartner“ China, weil man den Dalai Lama, der vor dem chinesischen Terror nach Tibet geflüchtet ist, empfängt. Deutsche und amerikanische Politiker, die sich dann bei China offiziell entschuldigen.

Mein Gott, wie kann man einem Land vertrauen, deren Politiker vor Menschen den Diener machen, die andere Menschen ausbeuten, geißeln und töten?!

Warnungen werden überhört:

Die Klimakatastrophe ist schwer aufzuhalten, die Armut nimmt brachial zu. Jetzt auch in den Industrieländern des 3. Jahrtausends. Noch vor wenigen Jahren wurde vor einem „Immobiliencrash in den USA“ gewarnt. Er ist dieses Jahr eingetreten.
„Amerikanische“ Verhältnisse, allen voran der soziale Abbau mit der dicken Abrissbirne (die HARTZ-IV-Verordnungen werden immer härter. Man kann mit 345 Euro Arbeitslosengeld II im Monat – besonders bei den steigenden Lebenshaltungskosten – einfach nicht leben), treten ein. Immer schneller, immer massiver, immer unübersehbarer.

Es werden immer mehr Menschen ausgesucht, auf die die Öffentlichkeit mit dem Finger zeigt. Die Opfer gehen daran zugrunde. Und es hilft niemandem. Ich nenne das das Glöckner-von-Notre-Dame-Syndrom.

Echte politische Untaten wie die von Herrn Hartz oder Vorstandsmitgliedern von Energiekonzernen oder der Deutschen Bank bleiben ungeahndet. Wer tritt sich schon selbst in den Hintern? Privilegierte Menschen sicher nicht! Dafür müssen wir kein Verständnis aufbringen.

Neben dem Vorführen von scheinbar Schuldigen, wie zum Beispiel benachteiligten Angestellten, Kleinunternehmern und Erwerbslosen, erleben wir Ehrungen zweifelhafter Natur. Wie die Friedenspreise ausgerechnet der amerikanischen Regierung. Wir wissen, wie sinnlos Kriege sind. Und wie dreckig!

Wir tun nur so, als wären wir noch belastbar. Ja, wie viel können wir denn noch ertragen?
Ich frage Sie, warum Sie noch nicht öffentlich kundtun, was hier im Staate faul ist. Ihre Frustration ist groß. Sie konsumie­ren, um sich zu betäuben. Doch die Droge Konsum und ihre Starre bewegen nichts. Warum unterschreiben Sie jeden Mist, ohne das Kleingedruckte zu lesen? Es ist doch nicht Vertrauen, das Sie haben. Es ist Bequemlichkeit!
Warum lachen Sie über jeden Scheiß? Weil der so witzig ist? Nein! Weil Sie wütend sind! Und weil der, der neben Ihnen sitzt, auch lacht. Und weil der, der da oben auf der Bühne steht, „berühmt“ ist.

Der Rechtsradikalismus ist ein großes Problem. Dass die Moderatorin und Buchautorin Eva Herman öffentlich die Nazis verharmlost, hat ihr jetzt eine Sympathiekundgebung der rechtsradikalen DVU eingebracht, eine Kündigung ihres Arbeitgebers und einen Rausschmiss bei Johannes B. Kerner, weil die anderen Interviewgäste sonst die Sendung verlassen hätten. Die Konsequenzen gegen Rechtsradikale müssen endlich spürbar und nachhaltig werden. Auch hier sind die Prioritäten, die stattdessen bei der Prävention von Kriminalität gesetzt werden, nicht mehr nachvollziehbar. Der „gläserne Mensch“ ist mit dem Grundgesetz und der Magna Charta der Menschenrechte nicht kompatibel!

Reflektieren Sie die Entscheidungen und Ereignisse und teilen Sie uns Ihre Resultate mit!

Rückblick auf die Nachrichten in Wirtschaft und Politik der 40. Kalenderwoche von 2007

Ist die Agenda 2010 eine feste Konstante oder wird sie variiert?

„Die Agenda 2010 ist ein mehrgliedriges Konzept der von der SPD und Bündnis90/Die Grünen gebildeten deutschen Bundesregierung (bis 2005), mit dem sie das deutsche Sozialsystem und den Arbeitsmarkt reformieren wollte. Große Teile des Konzeptes werden von den Oppositionsparteien unterstützt und von CDU/CSU aktiv mit gestaltet. Ausgangspunkt war die Regierungserklärung von Bundeskanzler Gerhard Schröder am 14. März 2003.

Der Begriff Agenda 2010 verweist auf Europa: Im Jahr 2000 beschlossen die europäischen Staatsmänner in Portugal, die EU in einem Lissabon-Prozess (Lissabon-Agenda) bis zum Jahr 2010 zur „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Region der Welt“ zu machen. Der Name stammt von Doris Schröder-Köpf….

Erklärtes Ziel der Agenda 2010 ist es, angesichts der Herausforderung […] der Globalisierung des Wirtschaftens […] und […] eine[s] radikal veränderten Altersaufbau[s] in unserer Gesellschaft wirtschaftliches Wachstum und damit einen höheren Beschäftigungsstand zu bewirken. Ausgegangen wird dabei davon, dass die Lohnkosten in Deutschland allgemein zu hoch seien und dass eine Senkung der Lohnkosten den Arbeitgebern Einstellungsanreize geben würde. Viele Veränderungen im Sozialstaat und in der Arbeitsmarkt- sowie der Familienpolitik sind vorgesehen oder bereits durchgeführt worden.

Ein weiteres Ziel der Agenda 2010 ist die Senkung der Sozialausgaben durch Senkung der Anspruchsberechtigungen von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern (vor allem durch Verkürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes und Abschaffung der Arbeitslosenhilfe (Hartz IV), Streichung von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Weiterbildungsmaßnahmen für Arbeitslose, Senkung des Sozialhilfesatzes durch Pauschalierung von Einmalleistungen (ebenfalls Hartz IV)).

Die Agenda 2010 setzt insbesondere neoklassische Ideen um: Da der Staat in einer Marktwirtschaft gewerbliche Arbeitsplätze nicht per Anweisung schaffen könne und auch nicht durch öffentliche Investitionen bestehende Arbeitsplätze sichern oder neue schaffen solle, werden indirekte angebotsökonomische Einzelmaßnahmen ergriffen (siehe Hartz IV-Konzept) in der Hoffnung, dass damit Anreize zu verstärkten privaten Investitionen in Deutschland geschaffen werden, woraus neue Arbeitsplätze entstehen sollen.“
Quelle: Wikipedia

Lässt man die wirtschafts- und sozialpolitischen Nachrichten dieser Woche Revue passieren, so hat man berechtigten Anlass zu fragen, was eigentlich die Agenda 2010 (Ex-Bundeskanzler Schröder bestand aus marketing-technischen Gründen auf die Aussprache „Zwanzig-Zehn“) ist und ob sie so realisiert wird, wie geplant.

Der Rückblick:
SPD-Parteichef Kurt Beck schlägt vor, das Arbeitslosengeld I Erwerbslosen ab dem Alter von 45 Jahren künftig 15 statt bislang 12 Monate zu zahlen. Vom 50. Lebensjahr an soll es maximal 24 Monate lang Leistungen geben. Die „Agenda 2010“ sieht vor, dass Menschen, die über ein Jahr erwerbslos sind von nur noch 345,– EURO leben sollen. Das ist nur eine Veränderung, die das sogenannte Hartz IV Gesetz hervorgebracht hat. Diese 345,– EURO zuzüglich der Kaltmiete und Kosten für die Heizung (keine Unterstützung für Strom!) sind das sogenannte „Arbeitslosengeld II“. Dass dieser Satz trotz enorm gestiegener Lebenshaltungskosten (siehe Artikel über „Die Neue Marktwirtschaft“ vom 15. September 2007) erhöht wird, darüber gibt es seitens der Entscheider keine verbindliche Auskunft.

Arbeitsminister Franz Müntefering, einer der Entscheider schlechthin, ist gegen den Vorschlag Becks. Und steht damit durchaus nicht alleine da. Der ostdeutsche Parteivize Jens Bullerjahn äußert: „Wir können die Linkspartei niemals links überholen“.

Anstatt auf der konstruktiven Sachebene zu bleiben, in dem man sich über die Schaffung der Infrastruktur neuer, vollwertiger Arbeitsplätze macht und die konkrete Umsetzung dessen plant, wird ein so existenzielles Thema zu einem innerparteiischen Zankapfel stilisiert.

Die Not der Menschen ohne ein Einkommen, mit dem sie ihre notwendigen Lebenshaltungskosten realistisch decken können, wächst.

Gleichzeitig ist zu lesen:
„Die weltweite Finanzkrise hat die Deutsche Bank im dritten Quartal rund 2,2 Milliarden EURO gekostet. Dennoch erwartet der deutsche Branchenprimus für den Abschnitt von Juli bis September einen Gewinnanstieg.“ Und: „Der Nettogewinn soll mit gut 1,4 Milliarden EURO rund 200 Millionen EURO über dem Vorjahreswert liegen. Dabei kommen dem Kreditinstitut kräftige Sondererträge aus Verkäufen sowie die Rückerstattung von Steuern zugute.“
Quelle: Handelsblatt -Titel: Deutsche Bank trotzt Krise

Banken sind offenbar nicht nur krisenresistent, sondern entscheiden über Wohl und Wehe von gigantischen Konzernen, deren Strukturen und vor allem: über die Arbeitsplätze der Menschen, die Waren direkt an die „Adresse“ des Endverbrauchers bringen. Ohne Verkäufer kein Verkauf.

Aber, bis es zum eigentlich Verkauf der Ware an den Kunden kommt, arbeiten Banken und die leitenden Manangement-Köpfe der Großunternehmen. Wenn deren Arbeit scheitert, kann der motivierteste Einzelhandelsverkäufer die Ware nicht ans Ziel bringen.

Ein Beispiel aus dieser Woche:
„Nach Drospa, Idea und kd verliert nun auch das Traditionsunternehmen Ihr Platz seine Eigenständigkeit“.
Falls das Kartellamt zustimmt, wird zum Jahreswechsel „der Marktführer Schlecker das Ruder übernehmen“.
„Verkäufer sind die US-Investmentbank Goldman Sachs sowie die amerikanische Investmentgesellschaft Fortress, die erst vor einem Jahr mit rund 25 Prozent bei Ihr Platz eingestiegen war.“

„Die ehemaligen Seifenfabrikanten hatten die Drogeriekette 1895 gegründet und in den 1990er Jahren aber massiv heruntergewirtschaftet. Dabei galt Ihr Platz noch wenige Jahre zuvor als Marktführer“…

Und:
„Die Ihr Platz Geschäftsführung werde im Amt bleiben, die Frage nach dem Stellenabbau blieb hingegen unbeantwortet“
Quelle: Handelsblatt – Titel: „Schlecker greift nach Ihr Platz“
Die Deutsche Wirtschaft ist kreativ. Kreativ, was Konsolidierungen, Marketingkonzepte, Nutzung von Synergieeffekten betrifft. Durchaus positive Begriffe, hinter denen aber auch Fakten wie Umstrukturierungen und Eliminierungen von Arbeitsplätzen stecken und versteckt werden.

So war es dem Daimler Konzern durchaus wert, für eine Umbenennung von „Daimler Chrysler“ in „Daimler AG“ eine außerordentliche Hauptversammlung in der Landeshauptstadt einzuberufen. Das „strategische“ Ziel erklärt der Konzernchef Zetschke: „In der Summe streben wir nicht danach, das größte Automobilunternehmen der Welt zu werden, aber eines der auf Dauer angesehensten“. Je größer ein Automobilunternehmen ist, desto mehr Arbeitsplätze bietet es. Je höher das Ansehen eines Unternehmens ist, desto höher der Preis für die Marke. Welche makabren Auswirkungen Personalknappheit haben, zeigt unsere Strafgerichte.

So war diese Woche in der Rheinischen Post zu lesen:
„Karlsruhe: Strafrichter müssen sich nach dem Willen des Bundesverfassungsgerichtes in großen Strafverfahren mehr beeilen. Die Gerichte müssen trotz Personalknappheit mehr als nur einen Verhandlungstag pro Woche anberaumen.“
Die Forderung nach mehr akademisch gebildetem Personal kam diese Woche von der „Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände“ BDA. Nun will man den Zugang zu Universitäten für Menschen ohne Abitur ermöglichen. Die Schlagwörter heißen hier: „Durchlässigkeit beim Hochschulzugang“ und „Duale Ausbildung“.

Nachdem nun aber durch das Hartz IV-Gesetz Hunderttausende Akademiker in Perspektivlosigkeit gedrängt worden sind – hier lautet das Stickwort: „Überqualifizierung“, fragt es sich, wie sollen Menschen, die derzeitig einen Arbeitsplatz haben, eine „Auszeit“ in Form eines Studiums zu riskieren? Und: Wer garantiert ihnen einen festen, noch besser bezahlten Arbeitsplatz mit einer Langzeitperspektive? Dem Fass setzt folgende Nachricht in dieser Woche die Krone auf: „Millionäre en masse. Die Zahl der Reichen und Superreichen wächst.“ (Handelsblatt)

Wenn wir uns noch einmal vergegenwärtigen, was die Agenda 2010 zum Ziel hat, dann können wir uns – angesichts des Rückblickes dieser Woche – ein Bild davon machen, welche Schwerpunkte sie hat und wem sie hilft, wem sie nicht hilft und wem sie schadet.

Eine empfehlenswerter Link von der Landeszentrale für politische Bildung über die Hintergrundinformationen über Globalisierung, ohne die die „Agenda 2010“ nicht betrachtet werden kann, in Zahlen und Fakten ist:
http://www.bpb.de/wissen/Y6I2DP,0,Globalisierung.html.

Hierzu noch ein Zitat:
„Globalisierung: In über 100 Staaten gibt es Fast-Food-Ketten mit weit über 130.000 Filialen, der globale Warenexport ist seit 1950 um 2.650 Prozent gestiegen und den 2,6 Milliarden Armen stehen 800 Milliardäre gegenüber. Die einen verbinden mit Globalisierung steigende Chancen für alle und wirtschaftlichen Aufschwung weltweit. Die anderen fürchten den “Terror der Ökonomie” und sehen mehr Verlierer als Gewinner…“